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Die Dreizehn
Amrum. Am Horizont geht glutrot die Sonne auf. Der Sand zwischen den Zehen perlt Wärme ins Blut, das Meer flüstert herrliche Verse.
So könnte es sein.
Aber es ist Anfang März ,arschkalt, die Sonne ward seit Tagen nicht gesehen, perlende Wärme sucht man vergebens und das Meer ist entweder weg oder brüllt in der Gegend herum. Von wegen Verse.
Im Internet bietet ein Wattführer eine Sonnenaufgangstour an. Von Amrum nach Föhr, quer durch die Nordsee. Sowas geht in meinem Meer nicht, willste von Insel zu Insel, brauchste’n Boot. Ich werde an dieser Wattwanderung teilnehmen, koste es, was es wolle, Kälte hin, Kälte her.
Eine Woche Wanderfasten habe ich gebucht und versuche nun, meine Fastenkumpaninnen zu überzeugen, mich zu begleiten. Rüttele an ihren Gewissen, du kannst doch nicht hier gewesen sein und nicht ... Doch, sie können. Alle. Also latsche ich alleine los.
Am Vorabend werden wir Mutigen im Keller des Veranstalters eingekleidet. Wathose, Rucksack dazu, sind Sie körperlich in der Lage, tragen Sie sich in die Liste ein. Neben mir sind noch zwei Paare und ein Vater-Tochter Duo gekommen.
„Sie sind ganz alleine?“, fragt der Deichführer und wirft mir einen überraschten Blick zu. „Ja, ist das nicht in Ordnung?“, frage ich.
„Doch, doch“, beeilt er sich zu versichern, „ich wollte nur wissen, ob noch jemand kommt.“
Ach so. Er sieht aus, wie man wohl einen Deichführer im Film besetzen würde. Wind- und sonnengegerbte Haut, drahtig, gute Augen, Ende vierzig. Sturm ist angekündigt, sagt er, und dass erst um 4.30 Uhr wird klar sein, ob wir überhaupt gehen dürfen.
Wir dürfen. Der Ort liegt tiefdunkel in nächtlicher Stille. Es gibt keine Straßenbeleuchtung, die Vögel, die Umwelt, wissen Sie. Mag ich sehr und finde meinen Weg mit der Taschenlampe des Handys. Im Zentrum leuchtet dann doch ein helles Fenster, das einzige Licht im ganzen Ort kommt von der Sparkasse, Geld und Vögel kommen selten zusammen.
Schweigend laufen wir los, fünf Uhr, dreizehn Gäste. Sechsmal zwei und ich. Es regnet, meine Brille ist von innen und von außen von Tropfen bedeckt, ich sehe kaum etwas. Bei jedem Schritt graben sich die Füße in das Watt, der Sand schmatzt von außen an den Gummistiefeln, der Wind fährt unter die Regenjacke. Es ist kalt, es ist frisch, es ist herrlich.
Eine Frau kommt auf mich zu. „Sind Sie ganz alleine unterwegs?“, fragt sie mitten in meine Herrlichkeit hinein. Ich glaube, sie sieht mitleidig aus. Der Wattführer wirft uns auch einen Blick zu. „Ja“, sage ich kurz. Bin selbst überrascht, wie sehr mich die Frage triggert. Ich fühle mich unwohl als Dreizehn im Watt. Als wäre ich nur eine Hälfte von etwas, eine Hälfte, deren andere nicht da ist.
Missmutig stapfe ich weiter, bringe ein paar Meter Abstand zwischen die Frau und mich. Ich beschließe, ihre Regenjacke hässlich zu finden und versuche zurückzufinden zur Morgenfreude vor der Frage. Wir bleiben stehen. Der Wattführer sagt, hier ist ein Priel, der ist einen Meter zwanzig tief und führt eine ganz ordentliche Strömung. Bitte aneinander festhalten, damit niemand den Halt verliert.
Die Frau mit dem hässlichen Regenmantel und ihr Mann kommen auf mich zu. „Sollen wir Sie in die Mitte nehmen?“, fragt sie. „Ich war letztes Jahr schon einmal mit auf der Tour, ohne Begleitung und ich kann Ihnen sagen, es war nicht so leicht, das Gleichgewicht zu bewahren. Und heute ist es ja noch dazu windig.“
Sie hält mir ihre rechte Hand entgegen, ihr Mann seine linke. Überrascht ergreife ich beide, der Wattführer nickt zufrieden.
Das Wasser im Priel reicht mir bis zur Brust. Schritt für Schritt durchwaten wir ihn, spüren den Wind und die Kraft der Strömung, die Frische des Tages. Beschämt lächele ich den beiden zu. Es ist kalt und aufregend und der Morgen wunderbar.