Berge für den Fokus
In den Bergen den Blick auf das Wichtigste lenken
Es gibt Dinge, die sind nicht berechenbar. Liebe zum Beispiel. Wer weiß schon, wann sie kommt, woher sie kommt, wohin sie geht. In meinem Fall fand ich mich eines Tages am Rande eines winzigen Balkandorfes wieder. Die Kronen der Bäume rauschten, mein Blick umfing endlose Bergketten mit sattem Grün, um meine Schulter lag ein Arm, der richtige. Ich bin dortgeblieben. In Teilzeit, denn ganz ohne Ostsee – wer könnte das.
Das Land ist arm, politisch unstet, wer kann, geht weg. Trotzdem haben wir seit zwanzig Jahren eine Liebesbeziehung, dieses Land und ich. Denn es ist vor allem ein ehrliches, unmaskiertes. Ich habe seine Sprache gelernt und mit seinen Menschen geredet. Ihre Sorgen, ihr Glück, ihre Wärme erfahren. Habe Kriegswunden gesehen. Auf Straßen, in Augen, in Seelen. Ich kenne ihre Lieder, ihre Tänze, ihr unglaubliches Talent zum Glücklichsein. Die Berge lehren mich, neue Naturgewalten zu verstehen und den Blick auf das Wichtigste zu fokussieren. Was für ein Geschenk. Bosnien ist ein Teil von mir geworden und das schlägt sich in meinen Texten nieder. Mal schleicht sich die Melancholie der Berge ein, mal die ungezähmte Sucht nach Leben. Bald schon wird es eine Sammlung kurzer Geschichten geben über unsere Liaison. Auch, wenn der Mann, dessen Hand ich noch immer und für immer halte, eigentlich Kroate ist. Es ist kompliziert. Liebe eben.
Natürlich lese ich die Literatur des Landes und seiner jugoslawischen Ex-Geschwister, deren Kultur so eng miteinander verflochten ist. Auf meinem Lesetisch liegen Ivo Andrićs großes Werk Die Brücke über die Drina, alles, was Sascha Stanšsić schreibt, das Buch Ein schönes Ausländerkind einer Autorin mit dem wohlfeilen Namen Toxische Pommes (Ich feiere diesen Text!). Alles hilft, zu verstehen. Anders zu denken. Anders zu fragen.
