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Sissi auf dem Boden
Austrian Airlines, stelle ich erfreut fest. Nicht, dass es entscheidend wäre für das, was ich in Bosnien zu erledigen habe. Tatsächlich ist egal, wer mich fliegt, Hauptsache, ich komme rechtzeitig, erwische den Anschlussflieger in Wien. Und danach sieht es aus. Wie gesagt, entscheidend ist es nicht. Aber – und das muss gesagt werden: Bei Austrian Airlines gibt es eine Schokolade für jede Person, die sich in den Flieger setzt, und die Flugbegleiter:innen dürfen ihrem natürlichen Alterungsprozess seinen Lauf lassen. Anders als in anderen Fliegern gibt es hier gelegentlich Menschen in den roten Uniformen, die ihren vierzigsten Geburtstag überschritten haben. Ich finde das beruhigend, hat was Menschliches. Beides, die Schoki für alle und die Leute unterschiedlichen Alters.
Die Flugbegleiterin, die uns heute betreut, ist knapp dreißig, wenn überhaupt. Sie trägt ihr Haar in geflochtenen Zöpfen, die sie eng um den Kopf geschlungen und mit einer Armee Haarnadeln fixiert hat. Freundlich lächelnd bietet sie mit ihrem Wagen Genüsse über den Wolken feil: Eingeschweißte Erdnüsse, Sandwich Käse oder Schinken, Kaffee. Säfte, Wasser.
Wider bessere Vorsätze erstehe ich einen Tomatensaft. Ich bezahle ihn mit der Uhr, prima, das hat geklappt. Genüsslich rühre ich Pfeffer und Salz in das rote Getränk und sinniere, was passieren würde, wenn man in Flugzeugen echte Becher und Tassen verwenden würde statt der ganzen Plastikkacke. Das Zeug müsste abgewaschen werden, klar. Wäre das so schwer? Ich schiebe den Gedanken beiseite, will gut gelaunt sein. Wenn ich einmal dem schlechten Gewissen Einlass gewähre, poppt womöglich noch die Frage auf, was ich überhaupt in einem Flieger mache. Wo doch auch Busse aus Berlin nach Sarajevo fahren. Und dann bekomme ich miese Laune.
Ich lehne mich also entspannt zurück, bereit für neue Eindrücke. Die werden prompt geliefert, von zwei deutschen Damen, die auf wundersame Weise in der Reihe vor mir Platz genommen haben. Ich bin ein Fan von Body Positivity, aber auch ganz gut in Physik. Die voluminösen Körper, mit denen die beiden ausgestattet sind, passen nicht zum Sitzraum in einer Economy Class. Aber die Ladies haben es geschafft, sie haben sich mit Todesverachtung auf ihre Plätze fallen lassen und bestellen sich erst einmal einen Prosecco. Sie sind allerbeste Laune und bekunden Interesse an der Haarpracht der Flugbegleiterin.
Wie schön Sie sind, seufzt eine von ihnen ehrfürchtig. Ich finde das nett, denn es ist wahr.
Wie Sissi, sagt die andere. Sie stößt ihrer Freundin in die Rippen und fragt findste nicht. Doch findet sie.
Die junge Frau bedankt sich artig, ihre Wangen nehmen eine leichte Rottönung an.
Wie hammse dat denn jemacht?
Weil Flugbegleiterinnen ja nicht unhöflich sein dürfen, antwortet sie.
Könnse bisschen lauter sprechen?
Kannse und so kommt es, dass die Menschen in den nächsten 10 Sitzreihen erfahren, wie so ein Flechtkranz entsteht. Die Plätze im Hörkreis sind belegt von mehreren älteren Herren mit kümmerlichem Rest-Haupthaar, einem arabisch wirkenden jungen Kerl mit Vollbart und drei Frauen, offenbar von der Natur- und Umweltfraktion. Wieso sind die denn … Weg mit dem Gedanken.
Die Flugbegleiterin lächelt und setzt ihren Weg fort. Etwas zu trinken für Sie?
Doch sie hat nicht mit der Hartnäckigkeit deutscher, Prosecco trinkender Matronen in einem Flieger nach Wien gerechnet. Wie lange, ruft die eine Dame, wie lange dauert dat denn so? Und machen Se dat jeden Morjen?
Der Kreis der Zuhörenden ist nun deutlich erweitert, denn immerhin vier Reihen hat die Stewardess schon zwischen sich die zwei gut Gelaunten gebracht. Sie stoppt den Wagen, dreht sich freundlich um und ruft etwas von fünfundzwanzig ... Plötzlich weitet sie die Augen, schreit nein, nicht! Einer der älteren Herren in der nächsten Reihe hat die Faxen dicke vom Warten auf den Wagen, weil er endlich den Müll vom Verzehr aus der ersten Runde loswerden will. Er zielt mit seinem Papier- und Plastikpäckchen, gar nicht mal schlecht, trifft die Öffnung des Abfallfachs im Wagen exakt. Im selben Moment ruft die Stewardess bitte nicht, die Tür vom Müllfach ist ...
Zu spät. Das Geschoss hat die Klappe durchbrochen, fällt mit einem Plopp zu Boden und öffnet die Tür von innen. Der gesamte Inhalt ergießt sich auf den Gang.
... defekt ... beendet Sissi resigniert ihren Satz. Sie geht in die Hocke und beginnt, alles wieder einzusammeln. Den kann man gerade nur von vorn befüllen, sonst passiert genau das, erklärt sie.
Entschuldigung, sagt der Herr sichtlich bedeppert. Er will ihr helfen, da er aber auf dem Mittelplatz sitzt, muss er erst noch an seinem Sitznachbarn vorbei. Der dreht zuvorkommend seine Knie ein, aber das reicht nicht, wie sich herausstellt. Der Ersthelfer holt mit seiner Hüfte einen Rest Tomatensaft vom Tablett seines Nachbarn. Eine rote Pfütze bildet sich rund um leergefutterte Erdnusstüten auf dem Boden.
Fünfundzwanzig Minuten für de Zöppe, ruft die Dame in der Reihe vor mir, haste das jehört?
Sissi macht das Einzige, was sie in dieser Situation tun kann. Sie setzt sich auf den Boden und lacht aus vollem Herzen. Der Müllwerfer hilft ihr jetzt wirklich und sein Nachbar hat sich aus dem Sitz geschält und reicht ihr die Hand zum leichteren Aufstehen.
Als wir in Wien landen, steht Sissi mit einem Lächeln aus Gold an der Ausgangstür. Ich wünsche ihr einen schönen Abend. Hinter mir verlassen die Matronen den Flieger. Ich höre noch Und wielange dauert dat denn, wenn man det abends wieder oofmacht?
Könnte sein, dass Sissi demnächst mit einem einfachen Pferdeschwanz fliegt. Aber das wäre wirklich schade.