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Spring, Großvater
Flughafen Wien, Gate 35. Die Leuchtschrift am Schalter verspricht pünktliches Boarding, pünktlich bedeutet, noch zwanzig Minuten. Ich lege meine Beine auf den Rollkoffer, Hartschale, lebenslange Garantie, und sehe mich um. Zum Lesen bin ich zu müde, mein Koffeinkonsum ist seit Stunden besorgniserregend, mehr Kaffee geht also auch nicht, wat langweilig.
Die Langeweile wird jäh unterbrochen, als das Mobiltelefon eines älteren Herrn klingelt. Also natürlich nicht vom Klingeln an sich, sondern von dem, was folgt.
„Mein Engelchen“, sagt er mit gedämpfter Stimme, „Großvater ist auf dem Flughafen.“
Großvater trägt einen eleganten Schal, einen hochwertigen Mantel und Schuhe, die womöglich handgenäht sind. Ich weiß, wie solche Schuhe aussehen, weil ich mal eine Reportage über jemanden gemacht habe, der sie anfertigt. Mehrere Hundert Euro, nach oben keine Grenzen. Aber bequem, doch, das ja.
Mister Elegant scheint ohne Headset zu reisen und nicht mehr ganz so gut zu hören. Er sieht sich kurz unsicher um, legt einen Ach, egal-Blick auf und schaltet den Lautsprecher an.
„Wir haben die Wette vergessen“, ist eine vorwurfsvolle Kinderstimme zu hören.
„Tut mir leid, Liebes, ich musste los, das machen wir das nächste Mal.“
„Ich will aber jetzt.“
„Jetzt geht aber nicht.“
„Du hast es versprochen.“
Zehn, zwölf Leute, die in derselben Stuhlreihe sitzen wie er, haben ihre anderen Beschäftigungen eingestellt und warten schamlos darauf, wie Großvater sich aus der Affäre zieht. Ich vermute, er bereut die Ach egal-Nummer schon, denn er nimmt die feine Tweedmütze ab und streicht sich erste Schweißperlen aus der Stirn.
„Opa, bitte!“
Er räuspert sich. „Okay, ich schaue, ob ich jemanden finde, der mir hilft.“
Das Kind klatscht in die Hände, juhu.
Eine Frauenstimme ertönt aus dem Handy. Sie spricht in einer anderen Sprache, der, die nach Sarajevo gehört. Ich verstehe sie, die meisten anderen Mitreisenden wohl auch. „Vater“, sagt sie, „das musst du nicht tun. Ihr macht das einfach das nächste Mal.“
Er antwortet in derselbenSprache. „Die Kleine hat recht. Versprochen ist versprochen.“
„Du wirst dich lächerlich machen. Sie werden denken, du bist durchgeknallt und nehmen dich nicht mit.“
„Du nimmst das Handy und begleitest die Kleine und ich finde hier auch jemanden.“
„Vater!“
„Okay?“
Ein Seufzen ist zu hören, dann auch ein okay.
Der Herr wendet sich an einen jungen Mann. „Entschuldigen Sie, könnte ich Sie um Hilfe bitten? Ich habe mit meiner Enkeltochter gewettet, wer länger auf einem Bein springen kann. Leider sind wir vor meiner Abreise nicht mehr dazu gekommen und nun ist sie traurig. Könnten Sie vielleicht mit der Kamera neben mir hergehen, wenn ich den Gang entlangspringe und mein Zeuge sein?“
Der Angesprochene greift nach dem hingehaltenen Smartphone, als wäre es die normalste Sache der Welt. Und los geht es. Ein Jubeln, ein Jauchzen aus dem Handy, als Großvater auf einem Bein den Gang entlangspringt und sein Mitreisender ihn live begleitet. Die gesamte Wartegemeinschaft lacht und feuert ihn an und als er schließlich aufgibt und sein Engelchen gewinnt, klatschen alle.
Ich sehe ihn später in Sarajevo wieder, als wir den Flughafen verlassen. Gehe auf ihn zu und sage: „Das war wunderbar. Sie sind der Star meines Tages.“
Er sieht mich müde an und sagt, ach Mädchen. Wendet sich ab und steigt in ein Taxi.