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Zweimal jährlich gibt der Gelsing & Hoch Literaturverlag ein Magazin heraus. Es enthält Kurzprosa ganz unterschiedlicher Themengebiete. In der Frühjahrsausgabe 2024 erschien Chris Hannesens Text Der erste Tag. Wer Lust hat, kann ihn hier kostenfrei lesen. Wer Lust hat, noch mehr Texte zu genießen, die in dem Magazin erschienen sind, kann es hier erwerben: https://www.gelsing-hoch.de/shop.html
Der erste Tag
Die Erzieherin hält ihm die Hand hin, er legt seine hinein, geht mit ihr. Karla atmet hörbar aus, die erste Hürde ist genommen. Dass das so einfach geht. Zaghaft winkt sie hinter ihm her, es ist sein allererster Tag. Frau König hat Karla gesagt, dass sie keine echte Erzieherin ist, sondern Sozialpädagogin. Das ist Karla egal, Hauptsache, sie ist gut zu ihm. Ist sie bestimmt, sie lächelt viel. Und hat eine samtene Stimme.
Machen Sie sich keine Sorgen, hat Frau König zu Karla gesagt, er wird sich schnelleingewöhnen, wir haben Erfahrungen. Sie hat Karla eine warme Hand auf die Schulter gelegt und sie beschworen zu gehen, gönnen Sie sich ein paar Stunden nur für sich, das haben Sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr getan, habe ich recht? Sie hat ein Samtlächeln gelächelt und Karla hat genickt. Karla hat lange genickt, wenn man nickt, kann man nämlich nicht weinen. Das geht physiologisch nicht. Hat sie im Internet gelesen, vielleicht stimmt es gar nicht, wahrscheinlich sogar nicht, aber der Satz ist alles, was sie gerade hat, also nickt Karla und es funktioniert. Die Tür schließt sich hinter den beiden und Karla steht allein auf dem Flur.
Das Nicken hält sich noch eine Weile, dann probiert sie es ohne. Es klappt. Zögerlich, ohne fest aufzutreten, geht sie in Richtung Ausgang. Frau König hat recht. Karla braucht Zeit für sich. Wenn sie ehrlich ist, würde sie sich nur allzu gern einen Kuchen in den Mund schieben, genüsslich, einmal nur, ohne gleichzeitig fröhlich plappernd einen anderen Mund zu füttern. Einen Cappuccino trinken, allein, doch, das wünscht sie sich, und wie. Vielleicht im Café Prag, vom Tisch ganz rechts an der Seite sieht man das Schloss und die Touristen, die mit den Handysticks und den tiefschwarzen Outdoorklamotten, wasserdicht und atmungsaktiv, das Logo in Understatementmanier am linken Oberarm. Sind Menschen noch mit Handysticks unterwegs? Karla weiß es nicht, könnte es jetzt herausfinden, das Café Prag mit der Touristenaussicht ist nur zwanzig Minutenentfernt.
Aber sie bleibt vor dem Ausgang stehen, kann nicht durch diese Tür gehen, sie lässt Karla nicht. Karla erkennt das an, längst hat sie gelernt, die Macht von Türen anzuerkennen. Sie dreht sich um, hockt sich auf eine kleine Bank, legt das Gesicht in beide Hände. Geh endlich, flüstert sie sich zu, du holst ihn doch um zwei Uhr wieder ab. Du tust das Richtige, alle Familien machen das so oder jedenfalls die meisten. Es geht gar nicht anders, du willst doch arbeiten, willst in die Agentur zurück, und du darfst das auch wollen, du darfst Familie haben und arbeiten wollen. Immer mehr Frauen denken das und sowieso alle Männer. Immer mehr und sowieso alle sind insgesamt die meisten. Es ist also das Richtige.
Entschlossen steht sie auf. Gleich wird sie gehen, gleich, nur noch kurz ... Sie presst das Ohr an die Tür zum Gruppenraum. Es ist ihr peinlich, sogar vor sich selbst, dieses Lauschen, aber sie muss es tun, Türenmacht, Machttüren.
Leise klingt Frau Königs Stimme, Karla versteht nicht, was sie sagt. Sie hört ein Lachen und ein Laufen, dann wieder Frau Königs Stimme, dieses Mal laut, liebevoll ermahnend, nicht rennen, immer schön langsam.
Karla reißt sich los und schämt sich die Wangen heiß, sie muss aufhören mit dem neurotischen Getue. Aber was, wenn er sie braucht? Wenn er Angst hat? Wenn ihn niemand mag, wenn er keine Freunde findet? Sie muss ein bisschen nicken, es klappt wieder.
Ein Gedanke schleicht sich in Karlas Kopf. Es ist ruhig im Gruppenraum, Karla, hörst du? Er macht das gut, du traust ihm zu wenig zu. Geh jetzt. Karla legt den Kopf schief und prüft den Gedanken. Er schmeckt nach Cappuccino und wenn sie den Mut findet, ihn weiterzudenken, dann schmeckt er nach abgestandenem Kaffee aus der Filtermaschine in der Teeküche ihrer Agentur und das ist noch viel besser als jeder Cappuccino, das ist viel besser als irgendein anderes Getränk.
Sieläuft den Flur auf und ab, steckt die Hände in die Taschen, holt sie wiederraus, pustet eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus Haargummi befreit hat.Sie könnte das nächst Projekt leiten, hat der Chef gesagt. EinFruchtsafthersteller braucht ein neues Marketingkonzept. Kannst du das noch?Beweis es. Ich gebe dir die Chance. Vollzeit aber, anders geht es nicht.
Es ist immer noch still im Gruppenraum.
Nur ein paar Minuten noch, sicherheitshalber, dann glaube ich es, dann verschwinde ich, denkt Karla. An der Wand hängt ein Schaukasten. Was wir diese Woche vorhaben. Spazierengehen, Ballspiele, Bewegung im Gymnastikraum, Singen. Lauter schöne Sachen. Ein Lächeln schleicht sich auf Karlas Gesicht.
Und erfriert im selben Moment. Fotze, hört sie ihn brüllen, wo ist meine Frau? Hat die Schlampe mich hier abgegeben? Will die mich loswerden? Ich bleibe hier nicht! Die Tür vom Gruppenraumfliegt auf, er stürmt auf den Flur, Frau König hinterher, sie erwischt ihn am Ärmel. So beruhigen Sie sich doch, Herr Manthey.
Das kann sie sich schenken. Herr Manthey wird sich nicht beruhigen, Karla weiß das. Sein schlohweißes Haar steht in einem Haarkranz vom Kopf ab. Sein Blick ist panisch, er rennt auf sie zu, verliert einen Hausschuh. Da drin sind lauter alte Leute, ruft er. Die sind schon fast tot. Was soll ich hier? Soll ich hier sterben? Hast du mich zum Sterben hergebracht? Er schluchzt auf und schmeißt sich in Karlas Arme. Sie nickt, nicht als Antwort auf die Frage und als sie denkt oder vielleicht doch, da wirkt das Nicken nicht mehr, scheiß Internet.
Karlalöst die Umklammerung, reicht ihm ein Taschentuch, hofft, dass er weiß, was erdamit machen muss. Er weiß es. Putzt sich die Nase und reicht ihr das ekligeKnäuel. Karla stecke es ein, ohne zu zucken. Der Cappuccinogedanke ist taub undhat sich zurückgezogen.
Erhebt seinen Hausschuh auf, streift ihn sorgfältig über. Glättet den Haarkranz, strafft die Schultern, stellt sich bei Frau König vor. Ich bin Horst Manthey, sagt er, und das hier ist meine Frau Renate.
Weil Frau König Erfahrungen hat, ergreift sie seine Hand und stellt sich ebenfalls vor. Sie lädt ihn ein, mit ihr zu kommen und lauter nette Menschen zu treffen. Er bedankt sich und sagt, dass er jetzt leider mit seiner Frau nach Hause muss, nicht wahr, Renate?
Karlastreicht ihm über den Rücken. Komm, Papa, lass es gut sein.
Die Sache mit der Tagespflege war eine dumme Idee. Sie fahren nach Hause, trinken Kaffee, essen Kuchen. Sie wischt ihm die Krümel aus dem Mundwinkel. Er hält Mittagsschlaf.
Karla ist nicht wütend. Wut braucht ein Ziel und auf leere Augen zielt man nicht. Fruchtsaft hat sowieso zu viel Zucker.