Im Schatten der Windflüchter

Der Band beherbergt zwölf kurze Geschichten aus dem Leben von Menschen unter norddeutschen Dächern. Ein scharfsinniger Blick auf die kleinen Momente, die doch so viel bedeuten. Berührend in sprachlicher Klarheit und emotionaler Tiefe, gewürzt mit einem gelegentlichen Funken trockenen Humors.

Leserstimmen



Dein Buch haben wir begeistert verschlungen und ein Exemplar direkt anFreunde weitergegeben. Es ist spektakulär, unerwartet, direkt,kritisch, lustig, hintergründig, anregend, toll.

(Kerstin)


Sie sind Ihrem Klappentext wahrhaft gerecht geworden und haben diverse Lebensrealitäten, tragische Wendungen und Unvorhergesehenesanschaulich vermittelt, sodass uns Ihre Geschichten emotional erreicht und zuweilen getroffen haben.
(Elisa,cor:lingua Rostock)


Kurzgeschichten

Kurzgeschichten zu schreiben ist für mich ganz anders, als einen Romanstoff zu verarbeiten. Für einen Roman kann ich mir ein Thema überlegen,Figuren erschaffen, eine Handlung planen.

Kurzgeschichten tauchen plötzlich auf. Manchmal ist es, wie bei „Meister Günther“, die Location, der alte Lokschuppen, der nach einer Geschichte ruft. Manchmal sind es, wie bei „LKW Dölle“, tatsächliche Vorkommnisse, die in eine Geschichte gekleidet werden wollen. Und dann gibt es noch Begegnungen mit Menschen, die  eine ganze Kutterladung Inspiration bringen – wie etwa in „Dreiseitenhof“.

Eswar auch der Dreiseitenhof, der anlässlich der offiziellen Feiernzum Tag der Deutschen Einheit 2024 in Schwerin vorgetragen wurde. Ichselbst war gesundheitsbedingt ausgeschaltet, aber eine liebe Freundintrug die Geschichte vor.

Im Anschluss bekam ich mehrere Nachrichten von Menschen aus demPublikum. Eine davon lautete:

Ich war heute bei der Worttagebau-Lesung, in der auch Deine Geschichte vorgelesen wurde ... wirklich ganz super! Und Dein Dreh zum Schluss,ich dachte, gibt's ja nicht, wie krass ist das denn, und ich glaube, das dachten andere Zuhörer auch, es war mucksmäuschenstill im Goldenen Saal. Sehr toll! Silke

Leseprobe

Deichbruch

Eberhards Augen folgen dem Wasser. Dem schlammigen, das hinter den durchtränkten Sandsäcken vorbeidonnert, außer Rand und Band, außer Bett und Ufer. Er steht vor dem Fenster des Dachbodens, gebeugt, dass er nicht an die Decke stößt.
Ihm graut. Seit Tagen. Es beginnt, als der Regen nicht aufhören will, wird stärker, als sie die Tiere von den Weiden holen, dann trifft die Bundeswehr ein und er weiß, alles ist verloren.
Als die Uniformierten kommen, um ihn und Else abzuholen, zu evakuieren wie das ganze Dorf, holt er die Pfeife aus der Tasche seines Blaumanns, stopft sie und schüttelt den Kopf. In die Turnhalle nach Neustadt sollen die Dorfleute, die nicht woanders unterkommen.
Die Nachbarn finden Zuflucht, die meisten bei ihren Kindern. Aber Else und er haben keine Kinder. Nicht mehr. Trotzdem, oder vielleicht deshalb: Eberhard wird nirgendwo hingehen. Er ist hier geboren und wenn Gott will, dann stirbt er hier auch. Und falls Gott das so vorgesehen hat, eben heute.
Und dann bricht der Deich. Hinter den Wiesen, das Wasser steigt schneller, immer schneller. Else sagt, es ist schon oben im Schlafzimmer, wir müssen weg, jetzt müssen wir wirklich weg. Ihr Kopftuch hat sich gelöst, die Haare sind wirr wie ihre Augen.
Einer vom THW kommt mit dem Boot, flucht leise in sich hinein, dass er seinen Arsch gefährdet wegen altersstarsinniger Bauern, warum sie nicht längst weg sind wie alle anderen. Trotzdem manövriert er sich durch den Garten, zwischen der Krone des Apfelbaums und der Spitze der Toreinfahrt. Er hält sich an der Fensterbank des Schlafzimmers in der zweiten Etage fest, Else reicht ihm die Katze, er steckt sie in die Jacke. Dann klettert Else selbst aus dem Fenster, hinein in das Boot, es schwankt, der THW-Mann wahrt das Gleichgewicht.
Eberhard bleibt.
Elses Gesicht ist Windstille, Unwetter, Weh und Pein. Du blöder Esel. Dann ist Eberhard allein. Mit dem Donnern der Elbe in seinem Hinterhof. Es wird Abend, er zündet eine Kerze an, der Strom ist ausgefallen. Im Nachbardorf auch, aber dort hält der Deich, dort sind Menschen. Sie haben einen gewaltigen Ballon mit Helium gefüllt, der erleuchtet die Nacht mit gespenstischem Strahlen.
Eberhard hofft, dass Else und die Katze es in die Turnhalle geschafft haben. Er stopft sich noch eine Pfeife und dann noch viele mehr, bis plötzlich etwas fehlt. Ein Geräusch. Regen. Es hat aufgehört zu regnen.
Der Morgen naht, Eberhard steht noch immer vor seiner Dachluke. Die Elbe hat sich ausgetobt und zieht sich zurück. Sie braucht ein paar Tage.
Als sie weg ist, ist es schlimmer als zuvor. Der Schlamm im Wohnzimmer steht kniehoch. Eberhard zieht Kissen und Stühle, Töpfe und eine Stehlampe aus dem Dreck. Else kommt zurück, schlägt ihn mit den Fäusten auf die Brust, du hättest sterben können.
Ja, sagt Eberhard, aber dass er das gern gemacht hätte, verschweigt er. Stattdessen lässt er sie prügeln, viel Kraft hat sie nicht mehr in den dünnen Armen. Als sie fertig ist mit dem Hauen, drückt er sie und macht sch, sch, Else, wer wird denn.
Von einem Fahrzeug, das aussieht, als führe es direkt an die Front, verteilen Uniformierte Werkzeuge und Eimer. Eberhard und Else schaufeln bis die Arme schmerzen und je mehr die schmerzen, desto weniger tut das Herz weh beim Anblick der verquollenen Kommode, der Zierpuppe, die noch nie schön war, aber nun auch noch ihre Augen eingebüßt hat.
Aber dann zieht Else einen Karton aus dem Schlamm. Die alte Fotobox. Sie öffnet sie und läuft über. Else hat seit Jahren nicht geweint. Nicht seit der Sache mit dem Jungen. Aber jetzt. Jetzt könnte sie mit dem Fluss mithalten. So laut, so lange, so klagend. Eberhard weiß nichts zu sagen und schaufelt weiter.
Am anderen Morgen ist Else stumm. Am Tag danach auch. Als die Sonne das dritte Mal aufgeht, stehen zwei Männer in der Tür. Der eine vom THW, der andere einfach ein Mann. Das hier ist ein Freiwilliger, sagt der THW-Mann. Eric, stellt der sich vor und fragt, ob er bleiben soll. Er hat Zeit und kann helfen. Eric ist Ingenieur und gerade zurück von einem Auslandseinsatz, hat zwei Wochen frei, bis er wieder arbeiten muss.
Eberhard guckt skeptisch, was braucht er einen Fremden im Haus, aber von dem Haus ist ja kaum noch was da und Else sagt sowieso schon, er soll bleiben, gern, jede Hilfe wird dringend gebraucht.
So kommt es, dass Eberhard, der Bauer, und Eric, der Ingenieur, Seite an Seite den Schlamm rausschleppen, das Haus ausräumen, die Möbel in die Sonne tragen, die jetzt unbarmherzig brennt. Ein Gestank liegt in der Luft nach vergammelnden Sandsäcken, nach schimmelnden Möbeln und nach Tieren, die es nicht geschafft haben. Als der Strom wieder angeschaltet wird, werden Elses Mundwinkel weicher, sie kocht für die beiden, die wenig reden, Eberhard ist so und Eric scheint es nicht zu stören.
Auch in den Nachbarhäusern wird geräumt. Die Kinder und Enkel sind da, tragen Gummistiefel und Latzhosen, manche Handschuhe. Nur bei ihnen muss ein Fremder helfen.
Abends sitzen sie zusammen und essen, was Else gekocht hat. Die Tischplatte biegt sich nach oben, aber Geschirr, Besteck und Gläser sind in Ordnung.
Eric erzählt von seinen Eltern, seinen Geschwistern und seiner Arbeit, eine Freundin hat er nicht, sagt er, als Eberhard fragt. Der Junge gefällt dem Alten. So einen hätte er sich gewünscht. Klug im Kopf und stark im Arm. Aber so einen hatte er nicht. Er ächzt bei der Erinnerung, die nicht vernarbt ist und wenn doch, dann ist die Narbe wetterfühlig und bei Hochwasser, wenn Eberhard in die Turnhalle soll, dann schmerzt sie ganz besonders.
Dann sind zehn Tage rum. Eric muss zurück nach Berlin. Else kocht ihm Essen zum Mitnehmen und bäckt einen Kuchen, nimm das mit Eric, und danke dir.
Es ist in Ordnung, sagt Eric. Er steht mit der Tasche in der Tür, Eberhard raucht seine Pfeife, Else wischt sich das Gesicht. Eric schluckt schwer, sucht Eberhards Blick, fixiert ihn und sagt, andere machen das auch für ihre Schwiegereltern.
Es dauert ein paar Sekunden. Else steht der Mund auf, Eberhard ist bleich. Du ... sagt er, du ...
Else schließt den Mund. Aber nur kurz. Nimmt Eric die Tasche aus der Hand. Du kommst wieder rein, sagt sie bestimmt und zu Eberhard, wag es ja nicht, wag es nie wieder, mir einen Jungen aus dem Haus zu jagen. Eric sieht Eberhard an, bittet mit den Augen um Einlass, der Alte tritt zur Seite. Er hat dich geschickt, sagt er ruhig.
Du hast Max verboten, über deine Schwelle zu treten. Er hält sich daran.
Eberhard schweigt lange, Else drückt Eric auf den Stuhl und lässt ihn nicht los.
Endlich spricht der Alte. Sag ihm, wir haben keine Schwelle mehr. Der Fluss hat sie mitgenommen.
Eric nickt bedächtig. Er wird trotzdem nicht kommen.
Else sagt, bleib sitzen Eric, du darfst nicht fort, bevor ich nicht seine Telefonnummer habe, seine Adresse.
Eric zieht sein Handy aus der Tasche, drückt auf Kontakte, Max, legt es auf den Tisch mit der verzogenen Platte. Da, sagt er zu Eberhard, auf das Hörersymbol musst du drücken. Der Alte starrt das Handy an, Else lässt Eric nicht los und der nicht Eberhards Augen.
Der Alte presst seinen rissigen, schmutzigen Zeigefinger auf das Display, dass man denken könnte, er käme auf der anderen Seite wieder raus. Schatz, sagt ein Mann am anderen Ende. Eberhard zuckt, sagt rau, nein, ich bin es.
Papa flüstert der Mann zaghaft und Eberhard heult wie die Elbe. Dann heult auch Max und Eric fängt auch an und Else ist die einzig Normale zwischen den Kerlen. Max, sagt sie weich, hol doch bitte deinen Mann bei uns ab. Ich mache zum Abendbrot Pellkartoffeln mit Quark und dann trinken wir einen Doppelkorn und dann ...
Aber Max wartet auf seinen Vater. Und wirklich: Er ist ein guter Junge, dein Eric. Dann sagt er Worte, die er noch nie in seinem ganzen Leben gesagt hat, weswegen Else ihm auch schon paarmal fast weggerannt wäre. Es tut mir leid.
Pellkartoffeln, ruft Else in das Schweigen am Telefon hinein.
Max nickt, was niemand sieht in seinem kleinen Dorf an der Mecklenburger Elbe. Else setzt die Tüften auf.

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